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Raumpilot*in: Das Handbuch für einen Städtebau, der alle mitdenkt

Raumpilot*in: Das Handbuch für einen Städtebau, der alle mitdenkt

Die meisten Städte sind für einen Durchschnittsmenschen geplant, den es so nie gab. Die Raumpilot*in stellt stattdessen all die Menschen in den Mittelpunkt, die bisher nicht mitgedacht wurden – und macht daraus ein Handbuch für die Praxis.

Unsere gebaute Umwelt entscheidet mehr, als uns bewusst ist. Sie legt fest, wer sich in ihr selbstverständlich bewegt und wer an ihren Rändern bleibt. Über Jahrzehnte wurde für eine schmale Norm geplant, für die vollzeitbeschäftigte, autofahrende Person mit festem Arbeitsweg. Die Raumpilot*in dreht diese Perspektive um. Das Handbuch für gendergerechten und intersektionalen Städtebau ist, wie es in der Widmung heißt, für alle da, die nicht gesehen werden, und macht daraus eine planerische Aufgabe.

Im März 2025 hat das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen acht Leitlinien für eine faire, inklusive und sorgende Stadt veröffentlicht. Ein kluges Leitbild, aber zunächst nur das: eine Haltung ohne Handwerkszeug. Genau hier setzt die Raumpilot*in an. Sie übersetzt die abstrakten Leitlinien in konkrete, anwendbare Planungshilfen und versteht sich, wie es im Buch heißt, als Wissensspeicher, Leitfaden, Handlungsempfehlung und Augenöffner zugleich. Schon der Name ist ein wissendes Augenzwinkern. Er spielt auf den dreibändigen „Raumpiloten“ an, jenes Standardwerk, das angehende Planer/-innen mit Normen, Vorschriften und Richtlinien vertraut macht. Wo das Original die Regeln ordnet, fragt die Raumpilot*in, für wen sie eigentlich gemacht sind.

Raumpilotin Mock-up Innenseite
Ein Blick ins Innere: Inhaltlich wertvoll und mit seinen Illustrationen auch optisch ein echtes Highlight.

Wenn Alltägliches plötzlich Fragen aufwirft

Die Stärke des Buchs liegt in seinem Blick fürs Alltägliche. Es zeigt, wie sich in scheinbar neutralen Planungsroutinen alte Rollenbilder verfestigen. Warum werden Fahrbahnen beleuchtet und Gehwege nicht, obwohl Autos eigene Scheinwerfer haben? Warum stehen Wickeltische meist nur in Damentoiletten? Und warum wandern Hauswirtschaftsräume, die Orte der Sorgearbeit, gern ins Untergeschoss, während repräsentative Zimmer die besten Lagen bekommen? Solche Fragen stellt das Handbuch nicht, um zu belehren, sondern um den Blick zu schärfen.

Die Raumpilot*in kostenlos lesen

Das Handbuch ist als Open Access PDF frei verfügbar. Wer lieber blättert, bekommt die 296 Seiten auch gedruckt und ringgebunden.

Dass es anders geht, führt ein Beispiel aus Malmö vor. Nachdem eine Studie ergeben hatte, dass Jungen rund 80 Prozent der Sport- und Spielflächen dominierten, entwarf das Büro Berg&Dahl mit dem Spielplatz „Rosens Röda Matta“ eine Fläche gemeinsam mit den Mädchen, für die sie gedacht war. Die Fläche wurde in kleine Bereiche gegliedert, damit keine Gruppe die anderen verdrängt. Gendergerechtigkeit denkt die Raumpilot*in konsequent intersektional, also im Zusammenspiel mit Alter, Herkunft, Einkommen und körperlichen Voraussetzungen. Es gehe, wie das Team betont, nicht nur um die Kategorie Geschlecht, sondern darum, verschiedene Formen von Benachteiligung mitzudenken.

Fuchshofschule in Ludwigsburg: Die große Holztreppe verbindet die Geschosse und wird zugleich zum zentralen Treffpunkt der Schulgemeinschaft. (Foto: Zooey Braun)

Wie eine solche Aufmerksamkeit fürs Miteinander gebaut aussieht, zeigt ein Projekt aus der Gira Referenzwelt im Maßstab eines einzelnen Gebäudes. Für die Fuchshofschule in Ludwigsburg hat das Büro VON M das Miteinander zum Entwurfsprinzip gemacht. Das alle dazugehören ist dort kein Zusatz, sondern Teil des Grundrisses: Zwischen den Lernclustern liegen eigene Inklusionsräume. Das Farbkonzept ist bis in die sanitären Anlagen bewusst genderneutral gehalten. Und auch die Architektur selbst schafft Offenheit: Große Verglasungen, umlaufende Balkone und das verglaste Atrium bringen Tageslicht tief ins Gebäude und ermöglichen immer wieder Sichtbeziehungen. Die zentrale Holztreppe ist damit mehr als Erschließung. Als Freitreppe mit Sitzstufen wird sie zum Ort der Schulgemeinschaft, zum Sehen und Gesehenwerden.

Von der Masterarbeit zum Werkzeug für den Entwurfsalltag

Entstanden ist die Raumpilot*in an der Professur für Urban Design der TU München. Aus einer Masterarbeit von Lara Brezing, Pia Katharina Winder und Pauline Elena Philipp wurde ein Gemeinschaftsprojekt, das mit Valentin Böll, Fiona Günther und Laurenz Murken auf ein sechsköpfiges Team wuchs. Herausgegeben von Benedikt Boucsein und Matthias Faul, erschien der Band 2025 und wird im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik vom Bundesministerium gefördert. Anne Kessler vom Ministerium bringt den Anspruch auf den Punkt. Ziel sei es, dass Gendergerechtigkeit in der Stadtentwicklung keine Ausnahme, sondern Standard wird.

„Es geht nicht nur um die Kategorie Geschlecht, sondern darum, verschiedene Formen von Benachteiligung mitzudenken.“

Team Raumpilot*in Professur für Urban Design, TU München

Das sind die acht Leitlinien zur Umsetzung von Gendergerechtigkeit in der Stadtentwicklung

Aufgebaut ist das Handbuch entlang dieser acht Leitlinien:

• Starke Repräsentation

• Öffentlicher Raum

• Gerechte Mobilität

• Sicherheit

• Qualitätvolles Wohnen

• Care-Arbeit

• Gesunde Stadt

• Klimaanpassung

Jede Leitlinie wird eingeordnet, erläutert und in konkrete räumliche Maßnahmen übersetzt. Diagramme, Checklisten und bemaßte Zeichnungen machen daraus ein Arbeitswerkzeug für Planungsbüros, Kommunalämter und Hochschulen, das die Kreativität des Entwurfs nicht einengt, sondern erweitert. Und die Raumpilot*in bleibt nicht beim gedruckten Buch. In sogenannten Walkshops erkundete das Team mit Teilnehmenden den Stadtraum aus ungewohnten Perspektiven, etwa mit Mobilitätshilfen. Langfristig soll eine digitale Plattform Best-Practice-Beispiele, Lehrmaterialien und Textbausteine bündeln und das Buch damit zu einem wachsenden Wissenspool machen.

Zugänglichkeit: Platzbedarf für Fahrradwege und diverse Abstellflächen für Lastenräder (Foto: Raumpilot*in)

Warum wir die Raumpilot*in empfehlen

Dass die Gira Architekturredaktion dieses Handbuch empfiehlt, hat einen Grund, der über das Fachliche hinausreicht. Gute Gestaltung lässt nie offen, für wen sie entsteht. Wer Räume plant, entscheidet mit, wer sich in ihnen selbstverständlich bewegt. Wie weit dieser Gedanke trägt, zeigt die Raumpilot*in am Maßstab der ganzen Stadt. Wir erkennen darin eine Haltung, die auch unsere Arbeit im viel kleineren Rahmen leitet, von einer Sprache, die alle Geschlechter mitdenkt, bis zu Bedienelementen, die möglichst vielen Menschen intuitiv zur Hand gehen.

Cover Raumpilotin
Die Raumpilot*in kostenlos lesen

Das Handbuch ist als Open Access PDF frei verfügbar. Wer lieber blättert, bekommt die 296 Seiten auch gedruckt und ringgebunden.

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