Die klassische Elektroinstallation folgt starren Regeln: Kabel verschwinden für immer unter Putz, Steckdosen sind unbeweglich in der Wand verbaut. Doch was passiert, wenn wir Elektroinstallationen nicht mehr als feste Konstante, sondern als flexibles, temporäres Gestaltungselement begreifen?
Auf der Suche nach einer additiven, spurlosen Haustechnik wandert der Blick weg von den Normen und hin zu den vermeintlichen Makeln der Architektur.
Max Popp ist Designer und Absolvent des Masterstudiengangs Design Futures an der Folkwang Universität der Künste. In seiner Arbeit untersucht er, wie sich baubedingte Details des Betonbaus – insbesondere Ankerlöcher – als bislang übersehene Infrastruktur für einen flexiblen Innenausbau nutzen lassen: Statt die Spuren der Schalung zu kaschieren, entwickelt er mit dem „Ankerpunkt“ ein reversibles System, das Ankerlöcher zu einem modularen Befestigungsraster als „Steckbrett“ weiterdenkt.
Diese Struktur wird zur Basis für eine spurenlose, experimentelle Elektroinstallation: Aufputz-Komponenten, Kabelführungen und Lichtelemente werden nicht mehr in die Substanz geschlagen, sondern flexibel gesteckt. Das macht Umnutzungen und temporäre Einbauten spurlos, geordnet und jederzeit veränderbar möglich.
In Rahmen des neuen Interviewformats „5 Fragen an...“ hat die Gira Architekturredaktion mit Max Popp gesprochen und sich über die Hintergründe seines Projekts ausgetauscht. Was ist das Potenzial modularer Infrastrukturen und das Konzept hinter seiner experimentellen Installation? Im Q&A erfahren Sie die Antworten.
Konzept & Umsetzung: Max Popp
Fotografie: Theodor Winter
1) Sie untersuchen die Nutzungspotenziale „baulich notwendiger Prozesshelfer“ im Betonbau. Was hat Sie an diesen oft übersehenen Details so gereizt, dass daraus ein eigenes Design-Thema wurde?
Max Popp: Die Ankerlöcher sind nur der sichtbare Teil einer obskuren Welt kleiner Plastik-Prozesshelfer, die beim Betonieren eingesetzt werden und mit dem Aushärten im Beton verschwinden. Das hat mich stutzig gemacht. Aus einer Materialkreislauf-Perspektive ist es natürlich problematisch, wenn Plastik und Beton untrennbar vermischt werden – aber bei näherer Betrachtung musste ich einsehen, dass diese Objekte einen echten Nutzen haben. Sie erhöhen die Prozesssicherheit beim Einbau und machen die moderne, rationelle Fertigung erst möglich. Das fördert die Langlebigkeit des Bauwerks, was man bei einer Nachhaltigkeitsbetrachtung von Ortbeton nicht vernachlässigen sollte. Blieb also die skurrile Tatsache, dass sie nach so kurzlebigem Einsatz über Jahrzehnte nutzlos im Beton stecken. Genau da habe ich noch ungenutztes Potenzial gesehen.
2) Ihr Ansatz entwickelt Ankerlöcher zu einem modular nutzbaren „Steckbrett“ weiter. Wie sieht dieses System konkret aus und welche Probleme im Innenausbau wollen Sie damit lösen?
Max Popp: Die Ankerlöcher, die je nach Schalungssystem in regelmäßigen Rastern auf der Sichtbetonwand verteilt sind, werden normalerweise mit Stöpseln verschlossen oder zugespachtelt. Genau hier greift mein Entwurf ein, der Ankerpunkt. Er verstöpselt das Loch wie gehabt, bietet raumseitig aber eine Befestigungsschnittstelle: ein Innengewinde und ein Klick-System. Die einzelnen Ankerlöcher werden so zum Steckbrett – und bekommen durch ihre Farbe und den hervorgehobenen Negativraum, der auf eine invertierte LEGO-Noppe anspielt, gleichzeitig einen anderen gestalterischen Umgang.
Der konkrete Vorteil: Endlich wird auch bei Sichtbeton ein flexibler, nutzungsoffener Umgang möglich. Als Spielwiese für die Befestigung von Arbeiten in Ausstellungsräumen, für modular einteilbare Gewerbe- oder Büroflächen, oder im Wohnungsbau, wo Sichtbeton sonst „Bohren verboten" heißt. Weil das alles reversibel ist, lassen sich Räume immer wieder neu nutzen – und Gebäude, die sich anpassen lassen, werden tendenziell länger genutzt und länger erhalten.
Um diese Spielwiese gleich mitzugestalten, habe ich eine Familie an Einsätzen für das „Steckbrett“ entwickelt: unter anderem einen universellen Klick-Haken, einen Befestigungsstab, ein Regalsystem und eine elektrische Komponente.
3) Sie haben auch eine Lösung für den Anwendungsfall Elektrotechnik entwickelt. Wie sah diese konkret aus und hat sie sich bewährt?
Max Popp: Der Anwendungsfall war ein ganz konkretes Problem, das wahrscheinlich alle von zuhause kennen: Beim Einrichten sind Strom und Licht nicht immer dort, wo man sie braucht. Statt also die Mehrfachsteckdose lose auf den Boden zu legen, war meine Idee, reguläre Aufputzdosen von Gira am Ankerpunkt zu befestigen – per Schnellverbindung, die einfach einrastet, ganz ohne Bohren.
Wichtig dabei: Am Ankerpunkt selbst liegt kein Strom an. Es bleibt eine normale Aufputzinstallation, nur dass sie nicht mehr fest verschraubt, sondern reversibel an der Wand sitzt. Der Strom kommt über ein Kabel, und genau hier spielt das Steckbrett seine Stärke aus: Das Kabel lässt sich mit den Haken sauber an der Wand entlangführen, statt quer durch den Raum zu hängen. Man kann auch mehrere Dosen hintereinander auf ein Kabel setzen und so – zum Beispiel in einem Mehrzweckraum – vorübergehend Strom entlang einer ganzen Wand verlegen. Wird der Raum anders genutzt, kann alles ohne Spuren wieder verschwinden.
Dazu habe ich eine Leuchte für das System entworfen, die sich über einen Wippschalter steuern und so komfortabel und zugleich flexibel einsetzen lässt.
Schon im Funktionsmodell zeigte sich, was mich daran überzeugt hat: Man bekommt den Komfort einer Festinstallation – Steckdose und Licht dort, wo man sie haben will, ordentlich verkabelt – und behält gleichzeitig volle Flexibilität und Reversibilität.
4) Was hat Sie im Projektverlauf am meisten überrascht oder Ihre ursprüngliche Annahme verändert? Gab es einen Moment, in dem Sie die Idee neu justieren mussten?
Max Popp: Eine wichtige Erkenntnis war für mich – mit Blick auf all die Prozesshelfer und Prozessspuren –, dass Einweg-Plastikobjekte in manchen Fällen eine gute Daseinsberechtigung haben. Das hat meine ganze Arbeit erst auf die Suche nach ungenutzten Potenzialen gebracht, die letztlich zu diesem Konzept geführt hat.
Gleichzeitig war es spannend und ungewohnt, in so einem Bereich zu gestalten. Durch die technischen und wirtschaftlichen Anforderungen sind die Spielräume eng, und das gestalterische Interesse an dem Bereich ist niedrig. Viele Rahmenbedingungen sind über Fertigungstechniken quasi in Stein gemeißelt. Das hat einige Herausforderungen mit sich gebracht.
5) Wenn Sie nach vorn schauen: Wo soll Ihr experimentelles Projekt langfristig hinführen und was sind die nächsten Schritte?
Max Popp: Langfristig würde es mich natürlich freuen, wenn sich das Projekt als materialgerechte und wandelbare Alternative zum reinen Verschließen von Ankerlöchern etablieren kann. Dahin ist es aber noch ein weiter Weg, denn es geht nicht um ein einzelnes Produkt, sondern um ein System, das die Hoheitsbereiche unterschiedlicher Branchen im Bau und Innenausbau berührt.
Meine nächsten Schritte sind deshalb, das Projekt einer möglichst breiten Fachöffentlichkeit bekannt zu machen und auf die Beteiligten in den jeweiligen Branchen zuzugehen. Während der Arbeit hatte ich schon Kontakt zu Gira für die Elektroinstallation und zu Peri zum Thema Schalungstechnik – an solche Verbindungen würde ich anknüpfen, um den Sprung vom Experiment zum Pilotprojekt zu schaffen.
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