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Der Produktentwickler Martin Gremlica ist bei Gira für den neuen Smart Home-Server X1 verantwortlich.

STYLEPARK GIRA
Smartes Heim, Glück allein

12.01.2017

Auf der BAU 2017 stellt Gira einen neuen Smart Home-Server vor: den X1, der kompakt und kostengünstig insbesondere für kleinere Objekte wie Einfamilienhäuser entwickelt wurde. Wir haben mit dessen Entwickler Martin Gremlica über den Trend zur Vereinfachung bei der Smart Home-Technologie, über Fragen zur Daten- und Einbruchssicherheit sowie über Probleme beim Anschließen eines WLAN-fähigen Wasserkochers an ein Smart Home gesprochen.

Florian Heilmeyer: Herr Gremlica, nächste Woche startet die BAU 2017 und Gira stellt dort erstmals den Server X1 vor. Dabei bieten Sie doch mit dem HomeServer schon lange eine „intelligente Schaltzentrale“ für Smart Homes und Smart Offices an?

Martin Gremlica: Wir hatten bei Gira schon länger über die Entwicklung eines kleineren, kompakteren und einfacheren Systemservers nachgedacht, weil unser HomeServer zwar seit einigen Jahren am Markt gut angenommen wird, aber vor allem für anspruchsvollere Lösungen konzipiert ist. Der HomeServer eignet sich im Grunde eher für Villen und komplexe Objekte mit mehreren Gebäuden, also große Büro- und Fabrikkomplexe. Hier lassen sich seine vielen Fähigkeiten in den Bereichen Logik, Verknüpfung und QC- oder freien Visualisierungen am besten einsetzen. Der HomeServer wurde entsprechend bei größeren Objekten sehr gut angenommen, denn da ist die Anzahl von Anwendungen, die gesteuert und miteinander in Einklang gebracht werden müssen, um vieles größer.

So groß wie drei Sicherungen und ähnlich einfach zu montieren: der neue Gira X1.

Lässt sich der X1 also als abgespeckte Version des HomeServers begreifen?

Martin Gremlica: Das kann man sagen, aber es greift zu kurz. Es sind doch eher zwei unterschiedliche Produkte, die wir für unterschiedliche Aufgabenbereiche in diesem sehr komplexen Bereich der smarten Gebäudesteuerung entwickelt haben. Der HomeServer ist groß und komplex, er ist dementsprechend teurer und anspruchsvoller zu installieren – dafür bietet er aber auch praktisch endlose Möglichkeiten, Geräte einzubinden, Funktionen zu programmieren und zu Szenarien in den Gebäuden zu kombinieren. Die andere Lösung, der X1, ist kleiner, kompakter und zugänglicher.

Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden ist die Zielgruppe. Wir richten uns mit dem X1 nun vor allem an die Besitzer von Einfamilienhäusern, sowohl im Bereich der Nachrüstung von Altbauten als auch bei der Ausstattung von Neubauten. Insbesondere richtet sich der X1 mit seinem Installationsprogramm jetzt aber auch an die Elektromeister und Installateure, also die Elektro-Fachplaner kleinerer Objekte. Denen war unser HomeServer immer eher zu komplex und kostenintensiv, also haben sie ihn ihren Kunden auch nur selten empfohlen. Deswegen haben wir im Einfamilienhausbereich mit unserem HomeServer auch so schwer Fuß gefasst und aus dieser Einsicht heraus den X1 entwickelt.

Wie muss ich mir das vorstellen: Wenn ich mich als Hausbesitzer mit Smart Home noch überhaupt nicht auskenne und über meinen Elektromeister einen X1 kaufe. Kommt der dann bereits fertig mit verschiedenen Funktionen, die ich nur noch einschalten muss?

Martin Gremlica: Unserer Erfahrung nach ist jedes Objekt anders – und jeder Bauherr auch. Entsprechend wird der X1 mit einigen vorgefertigten Funktionen geliefert, mit denen sich ein Smart Home relativ einfach konfigurieren lässt: das ist zum Beispiel die Steuerung der Jalousien, der Heizung und Lüftung, der Türen, Fenster und Kameras, und auch die Beleuchtung lässt sich steuern oder schon zu einzelnen Lichtszenarien zusammenfassen. Mit seinen 35 Logikbausteinen lassen sich dann individuell umfangreiche Szenen und Zeitschaltroutinen sowie Logikfunktionen umsetzen. Beispielsweise werden dann für jedes Familienmitglied andere Szenarien ausgelöst, wenn sie das Haus betreten.

Die Kommunikation mit allen Geräten und Anwendungen erfolgt über die eigens entwickelte X1 App, entweder über das Smartphone oder ein Tablet.

Wie funktioniert das, wenn ich Geräte von verschiedenen Herstellern anschließen möchte?

Martin Gremlica: Es gibt seit über 20 Jahren den KNX-Standard, der inzwischen von sehr vielen Herstellern angeboten wird. Solange die Geräte diesen Standard bedienen können, können unsere Server sie auch in das Smart Home einbinden und steuern. Der HomeServer oder X1 würden das neue Gerät mit den vom Hersteller angebotenen Funktionen steuern und es vollumfänglich in alle Logikroutinen ihres Hauses integrieren zu können. Dadurch ist das System unabhängiger von einzelnen Herstellern und dadurch stärker. Zum Beispiel ist man als Besitzer eines Smart Homes vor Unternehmenspleiten geschützt. Stellen Sie sich vor, Sie haben sich komplett auf einen Hersteller verlassen und morgen ist der pleite. Im KNX-Standard lässt sich jedes Gerät ersetzen, weil es mehrere Hersteller gibt.

Kennen Sie Herrn Mark Rittman aus England?

Martin Gremlica: Nein, ich glaube nicht.

Rittman ist Experte und Berater für Datensicherheit, außerdem ein in England recht bekannter Technik-Blogger. Er ist vor einigen Monaten zu einigem Internetruhm gekommen, als er über Twitter live berichtete, wie er elf Stunden lang versuchte seinen neuen WLAN-fähigen Wasserkocher an sein Smart Home anzuschließen. Beim Abendessen saß die ganze Familie plötzlich im Dunkeln, weil die smarten Leuchten nach der Wasserkocherinstallation erst ein firmware-Update machen mussten.

Martin Gremlica: Großartig.

Sie lachen, aber das ist doch furchtbar. Die Technik, die außer Kontrolle gerät, Jacques Tati hat solche Geschichten mit einem technisch hochgerüsteten Haus schon 1958 in „Mon Oncle“ als Komödie inszeniert.

Martin Gremlica: Natürlich. Es gibt viele solche Geschichten rund um das Smart Home. Es gibt auch eine weit verbreitete Skepsis gegen die Technisierung der eigenen vier Wände. Ich kann nur sagen, dass ich selbst da nicht so skeptisch bin, sonst würde ich diese Lösungen nicht empfehlen und entwickeln. Für mich ist das Smart Home eine sagenhafte Steigerung des Wohnkomforts durch all die neuen Möglichkeiten, die mir die Steuerung meines Heims von innen und außen bietet. Ich kann die verschiedensten Stimmungen und Atmosphären programmieren, ich kann die Heizung anschalten, bevor ich nach Hause komme, und ich kann meinem Haus einfache Aufgaben wie Lüftung, Heizung oder das Gießen des Gartens übertragen. Ich komme dann in ein warmes, gemütliches Haus, das mir Zeit und Mühe spart. Aber der vielleicht wichtigste Aspekt ist die Sicherheit! Stellen Sie sich vor, der Rauchmelder schlägt an und das Haus stellt sicher, dass alle Fluchtwege rechtzeitig beleuchtet werden, alle Rollläden hochgefahren und die Türen frühzeitig entriegelt werden.

Die zusätzliche Bedienung des Smart Homes über Wandtaster und Sensoren erhöht den Komfort. Falls Sie zum Beispiel ihr Handy gerade nicht finden können.

Wie smart ist denn ihr eigenes Haus, Herr Gremlica?

Martin Gremlica: Wie soll ich sagen? Ich bin da wohl der Typ „Nerd“. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit selbst gebaut. Ich bin gelernter Elektro-Ingenieur und habe während des Studiums gelegentlich auf dem Bau gearbeitet, da konnte ich zusammen mit meinem Vater vieles selbst bauen. Die Elektrik habe ich komplett selbst verlegt und da sind vom HomeServer bis zum X1 so ziemlich alle Geräte und Anwendungen aus dem Gira-Programm dabei. Allerdings vielleicht nicht immer in den marktüblichen Kombinationen, wie ich sie einem normalen Kunden empfehlen würde.

Ich stelle mir jetzt tatsächlich so ein leicht Jacques Tati-artiges Haus vor.

Martin Gremlica: Das können Sie sich gerne verrückt vorstellen. Die meisten Bauteile sind bei mir steuerbar, von den Solarmodulen zur Heizung und der Lüftung. Die Wetterstation auf dem Dach gibt mir einen Alarm, wenn Regen aufzieht und die Dachfenster geöffnet sind. Den wassergeführten Kamin habe ich selbst gebaut und programmiert. Ich glaube, da ist elektrisch und spielerisch so ziemlich alles drin, was man sich vorstellen kann. Das Haus ist für mich ein unendliches Experiment, an dem ich auch dauernd noch weiter herum schraube. Es ist aber auch ganz ernsthaft die Basis für meine Arbeit bei der Produktentwicklung: so weiß ich aus eigener Erfahrung genau, wovon ich spreche und kann selbst sehen, was gut läuft und was nicht. Dementsprechend bin ich gerne bei jedem Feldtest dabei, den wir bei Gira durchführen.

Die Steuerung des Smart Home oder Smart Office erfolgt gebündelt über Touchscreens, zum Beispiel über den Gira Control Client.

Okay, aber Sie sind auch selbst Elektro-Ingenieur und offenbar so etwas Ähnliches wie Daniel Düsentrieb im Bereich Smart Home. Was würden Sie einem Freund raten, der auf diesem Gebiet nicht so begabt ist, aber mit einigen, wenigen Funktionen eines Smart Homes liebäugelt?

Martin Gremlica: Beim Neubau würde ich raten, alle Räume mit KNX-Verbindungen auszustatten. Das kann man sich wie ein grünes Telefonkabel vorstellen, dass in jedem Raum verlegt wird. Diese Verkabelung ist relativ günstig und eröffnet einem später alle Möglichkeiten, das Haus „nachzurüsten“. Man kann dann erst einmal klein anfangen, mit einem Raum oder nur einer Logikroutine und erst einmal in Ruhe schauen, wie sich das anfühlt. Man kann Häuser auch mit Funksystemen ausstatten, aber das ist oft etwas schwieriger: es hängt dann von den Wandstärken und Materialien ab, wie gut die Geräte erreichbar sind oder wo man sie aufstellen kann. Zu Funksystemen rate ich also vor allem bei der Nachrüstung von Objekten, in denen man nicht die Wände aufstemmen möchte, um neue Leitungen zu verlegen. Mit dem KNX-Funksystem ist dann auch eine Kombination von Draht- und Funkgeräten möglich.

Gira bietet selbst eine Vielzahl von Tastsensoren an. Aber wozu brauche ich die eigentlich noch, wenn ich mein Home doch jetzt per Smartphone oder Tablet steuern kann?

Martin Gremlica: Theoretisch braucht ein Smart Home heute tatsächlich keinen Wandschalter mehr. das ist aber eine Typen-Frage: Komme ich wirklich damit zu Recht, keine Schalter mehr im Haus zu haben? Der Mensch ist das ja seit einigen Jahrzehnten gewohnt, in jedem Raum neben der Tür einen Schalter zu finden. Außerdem neigt der Mensch dazu, seine mobilen Geräte abzulegen und nicht mehr wiederzufinden.

Dann ist auch meine Haussteuerung verschwunden. Das ist schlecht.

Martin Gremlica: Richtig. Man muss das für sich selbst entscheiden, aber ich hätte damit Schwierigkeiten, wenn ich keinen Schalter mehr im Haus hätte - und meine Frau würde mich vielleicht aus dem Haus jagen. Sinnvoller finde ich die kombinierten Systeme, wo ich zwar das gesamte Haus über mein Smartphone steuern kann, aber zusätzliche Wandschalter im Haus habe. Das ist für mich die sinnvollste und komfortabelste Lösung.

Ein zweiter, wichtiger Grund für die Skepsis vieler Menschen gegen ein Smart Home ist die Sicherheit, sowohl die Datensicherheit als auch die Einbruchssicherheit. Wenn die Daten unseres Smart Homes angreifbar sind, dann spielt die Musikanlage vielleicht plötzlich Werbung und der Kühlschrank bestellt nur noch Produkte von einer Firma. Auch mancher Einbrecher könnte ja auf „Smart Burglar“ umschulen. Die Süddeutsche Zeitung hat 2016 eine große Recherche veröffentlicht, wie viele Webcams und Smart Homes einfach übers Internet und ohne viele Vorkenntnisse zu kapern waren. Wie wichtig ist also das Thema Sicherheit bei der Produktentwicklung bei Gira?

Martin Gremlica: Extrem wichtig. Das ist bei uns schon lange vor dieser SZ-Recherche ein Riesenthema gewesen. Wir haben vor geraumer Zeit und ganz aus Eigeninteresse geprüft, wie einfach die im Netz aktiven HomeServer aufzuspüren waren. Tatsächlich waren viele dieser Systeme zugänglich. Warum? Weil wir die Server werkseitig mit viel zu einfachen Standard-Passwörtern ausgestattet hatten und den KNX-Verarbeitern nicht ausdrücklich genug gesagt hatten, dass sie die bei der Installation unbedingt ändern und individualisieren müssen. Es ist immer ein Spagat: einerseits darf es für die Nutzer nicht zu kompliziert sein, andererseits muss die Sicherheit gewährleistet sein. Inzwischen haben wir da aber erheblich nachgebessert.

Übersichtliche Darstellung der Gebäudefunktionen auf dem Wandschalter oder einem mobilen Gerät.
Mehr Sicherheit: die Türkommunikation kann auch gesteuert werden, wenn man nicht zu Hause ist.

Wie haben Sie das beim X1 gelöst?

Martin Gremlica: Der X1 besitzt jetzt ein ellenlanges, geräteindividuelles Passwort. Das wird auf das Gerät aufgedruckt, wie man es zum Beispiel von Telefonroutern kennt. Zusätzlich haben wir den X1 mit einem VPN ausgestattet, um die externe Steuerung und den Datenaustausch mit allen mobilen Geräten des Anwenders so sicher wie nur möglich zu machen. Die gesamte Kommunikation ist jetzt TLS-verschlüsselt, das kennt man als Standard vom Online-Banking. Das ist aktuell eines der sichersten Systeme.

Wenn wir jetzt vor der BAU 2017 auf das neue Jahr schauen, was denken Sie werden die wichtigsten Trends im Bereich der Smart Homes 2017 sein?

Martin Gremlica: Ganz sicher werden wir uns weiter mit diesen zwei wichtigen Säulen beschäftigen: dem Komfort und der Sicherheit. Dabei scheint mir bei den Kunden derzeit die Sicherheit derzeit das wichtigste Thema zu sein, da bekommen wir die meisten Nachfragen. Da werden wir 2017 für den X1 noch ein paar Anwendungsmöglichkeiten entwickeln, zum Beispiel für verschiedene Anwesenheitssimulationen. Wenn das Haus also auch während ich im Urlaub bin die Jalousien öffnet, die Fenster kippt, das Licht und vielleicht sogar auch den Fernseher und die Musik anschaltet. Auch die Polizei rät inzwischen zu solchen Szenarien, denn statistisch wird in beleuchtete bzw. bewohnte Objekte einfach deutlich weniger eingebrochen. Dabei wollen wir aber den Komfort und den Spaß nicht aus den Augen verlieren. Es gibt ja immer mehr Geräte und Anwendungen in dem Bereich und wir müssen dafür sorgen, dass die möglichst problemfrei installiert und synchronisiert werden können. Damit es eben möglich ist, zum Beispiel einen smarten Wasserkocher problemfrei in Betrieb zu nehmen. Denn das Smart Home soll ja vor allem eines: Spaß machen.